Welches Wunder, ich bin in allem:  Bäumen, Seen, Wolken und sogar im Staub!                   Ikkyû Sôjun


Treibholz

Am Meer fasziniert mich immer wieder der Anblick weißen, glatten, gestrandeten Holzes. Das aus fernen grünen Wäldern stammende, nach einer langen Reise durch die unendliche Weite des Ozeans an Land geworfene, vom Salzwasser gebleichte, von der Brandung geschliffene hölzerne Strandgut. Die Isländer bezeichnen es wegen seiner Widerstandsfähigkeit auch als „Weißes Gold“. Bereits in der nordischen Schöpfungsgeschichte soll Odin die ersten Menschen aus Treibholz geschnitzt haben. Ihm wohnt ein erreichtes Ende inne, wie auch die Möglichkeit eines neuen Anfangs. Es symbolisiert das reglose Verweilen vor dem Übergang.

 

Die Fotografien meiner Ausstellung haben Vieles gemeinsam mit diesem entlaubten, kernigen Holz. Auch sie sind ein Innehalten nach Gewalt und Zerstörung, nach dem Rauschen von Zeit und Raum, nach Duft und Klang und geschmeidiger Zartheit.

 

Zerfallende Blüten ergeben sich heiter und offenbaren eine tiefere Schönheit. Bäume verwandeln sich in Fabelwesen. Findlinge - Treibgut der Eiszeit - leuchten in geisterhaftem Licht. In weiten Landschaften fällt der Himmel auf die Erde.

 

Am Schnittpunkt von Kommen und Gehen wecken die Fotografien Erlebtes in uns und deuten hinter die Dinge. Die ständige Bewegung und Veränderung hat in der Sprache der Bilder einen Ort der Ruhe gefunden. Hier trifft sich das Entstandene und Noch-Nicht-Vorhandene.

 

Text zur Ausstellung "Treibholz"